EMILIA GALOTTI

Bürgerliches Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing

Seit der Prinz von Gustalla die Bürgerstochter Emilia Galotti zum ersten Mal gesehen hat, ist er von ihrer Schönheit wie verzaubert und besessen von dem Gedanken, sie zu seiner Geliebten zu machen. Von seinem Kammerherrn Marinelli erfährt er jedoch, dass Emilia noch am selben Tag den Grafen Appiani heiraten soll. Um das junge Mädchen vorher für sich zu gewinnen, gibt er seinem intriganten Kammerherrn freie Hand, Emilias bevorstehende Hochzeit zu vereiteln. Als Schmeicheln und Vorwände hierfür nicht ausreichen, wird auf Marinellis Anordnung hin die Kutsche der beiden Verlobten überfallen, Appiani wird von bezahlten Mördern erschossen und Emilia mit ihrer Mutter Claudia auf das in der Nähe gelegene Lustschloss des Prinzen in scheinbare Sicherheit gebracht. Die Brautmutter erkennt bald die Absicht hinter dem fingierten ▄berfall, wird jedoch von der ahnungslosen Emilia ferngehalten. In der Zwischenzeit ist Gräfin Orsina, die ehemalige Geliebte des Prinzen, auf dem Schloss eingetroffen. Marinelli fängt sie im Namen des Prinzen ab und gibt ihr zu verstehen, dass mit Emilia ihre erwählte Nachfolgerin bereits beim Prinzen sei. Aus Verbitterung berichtet die Gräfin Emilias Vater von den Avancen des Prinzen und bedrängt Odoardo, den Mord am Verlobten seiner Tochter zu rächen. Sie gibt ihm einen Dolch, doch er bleibt unschlüssig und verlangt zunächst ein Gespräch unter vier Augen mit seiner Tochter, um deren Unschuld zu prüfen. Emilia, die infolge einer weiteren Intrige Marinellis in der Obhut des Prinzen bleiben soll, fürchtet sich vor dessen Nachstellungen und bittet ihren Vater, sie zu töten, um ihr die Schande der eigenen Verführbarkeit zu ersparen …

Es klingt beinah wie ein Walt Disney-Film: Der Prinz verliebt sich Hals über Kopf in eine Bürgerliche und setzt alles daran, um mit ihr zusammen zu sein. Das könnte eine Romanze mit Happy End werden. Lessing geht es jedoch nicht um das Wahrwerden eines Mädchentraums, sondern um den Missbrauch von Macht und seine Folgen. Der Autor beschreibt in „Emilia Galotti“ (1772) den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum und kritisiert dabei sowohl die absolutistische Willkür der Herrscher als auch das Zwangskorsett der engen bürgerlichen Moralvorstellungen. Emilia, von jeher gewohnt, behütet und umsorgt zu werden, ist nicht fähig einen eigenen Willen entwickeln und wird zum Spielball sowohl des Prinzen als auch der Eltern: Ihre Selbstständigkeit unterliegt dem Zwang zur unbedingten Pflichterfüllung. Und selbst Odoardo, der bereits Ansätze eines „neuen“, aufgeklärten Denkens zeigt, richtet seine Tochter letztlich nach den „alten“ Maßstäben.