EIN VOLKSFEIND

Schauspiel von Henrik Ibsen

In dieser beschaulichen Kurstadt lässt es sich gut leben: Ein florierendes Thermalbad lockt zahlreiche Touristen an und hat dafür gesorgt, dass der Ort und seine Bewohner zu Wohlstand gekommen sind. Plötzlich jedoch klagen vermehrt Badegäste über Übelkeit und Magenprobleme. Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann findet heraus, dass das Wasser verseucht und eindeutig gesundheitsgefährdend ist. Er plädiert für eine sofortige Verlegung der Wasserleitung und die unverzügliche Information der Öffentlichkeit. Einflussreiche Bürger und die örtliche Presse unterstützen sein Vorhaben, bis sein Bruder Peter, seines Zeichens Bürgermeister der Stadt, eindringlich vor eben diesen Schritten warnt. Sie zögen die Schließung des Thermalbades und damit das Versiegen des Touristenstromes nach sich. Dass dies mit enormen Reparatur- und Folgekosten und finanziellen Einbußen für den Kurort und alle seine Bewohner verbunden wäre, liegt auf der Hand. Und schon bröckelt der Rückhalt für Dr. Stockmanns Ansinnen, den Badegästen die volle Wahrheit über die akute Gefährdungslage mitzuteilen. Ein Entscheidungsträger nach dem anderen meldet Zweifel an: „Vielleicht würden Teile dieser Information die Bevölkerung zu sehr verunsichern?“ Es wird vertuscht statt offengelegt, und auch die Presse gibt sich auffallend zurückhaltend. Während der Bürgermeister hofft, ungeschoren aus der Affäre herauszukommen, verzweifelt sein Bruder schier an den Entwicklungen. Nicht nur, dass die Wahrheit unterdrückt wird, nein, die gesamte Bürgerschaft ist korrumpiert! Der Badearzt versucht die Einwohner in einer Versammlung zu überzeugen, verliert jedoch seinen aufklärerischen Impuls zunehmend aus den Augen. Seine Rede gipfelt in einer globalen Anklage gegen die Bewohner seiner Stadt: „Die Mehrheit hat die Macht – leider, aber das Recht hat sie nicht. Das Recht habe ich und noch ein paar andere.“ Kein Wunder, dass ihn die Versammlung postwendend zum Volksfeind erklärt …

Bereits 1882 verfasste Henrik Ibsen diese bittere Sozialsatire, in der ökologische Argumente eiskalt ökonomischen Abwägungen geopfert werden. Wie eine Gesellschaft zunächst dem Licht der Aufklärung folgt, um sodann dem Glanz des Geldes zu erliegen, wie sie dabei kalkuliert und korrumpiert, das ist von der selben erschreckenden Modernität wie der Badearzt, dessen Wahrheitsfuror solch fanatische Ausmaße annimmt, dass er nicht nur das verseuchte Wasser reinigen, sondern gleich die ganze Stadt ausrotten will, jene „Mehrheit, diese verdammte kompakte Majorität, die unsere geistigen Lebensquellen vergiftet und den Boden unter unsern Füßen verpestet.“