DER BESUCH DER ALTEN DAME

Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt

Die finanziell heruntergewirtschaftete Schweizer Provinzstadt Güllen erhält prominenten Besuch: Claire Zachanassian, eine Tochter der Stadt, kehrt nach langer Zeit in ihre Heimat zurück. Die für ihre Wohltätigkeit bekannte Milliardärin verspricht, das verkümmerte Städtchen mit einer Spende von einer Milliarde zu unterstützen. Doch die anfängliche Euphorie der Bürger verfliegt schnell, denn Claire Zachanassian macht ihnen ein unmoralisches Angebot: Die Stadt erhält das Geld nur dann, wenn ihre Einwohner im Gegenzug Zachanassians Verflossenen, Alfred Ill, umbringen. Unter dem Deckmantel einer spendablen Milliardenstiftung verbirgt sich ein infamer Racheplan, der die Güllener Bevölkerung auf die Probe stellt.
Seit ihrer Jugend schon erhofft Claire sich Vergeltung: Als 17-Jährige wurde sie von Alfred Ill geschwängert. Dieser jedoch bestritt vor Gericht seine Vaterschaft und konnte durch die Bestechung von Zeugen den Prozess gewinnen. Das Kind verstarb frühzeitig, und Claire war gezwungen, sich zu prostituieren. Mittlerweile zum achten Mal verheiratet, konnte sie über Jahrzehnte hinweg riesige Reichtümer anhäufen. Damit nicht genug: Gezielt erwarb sie die Fabriken der Stadt und ließ eine nach der anderen Bankrott gehen, um Güllen nach und nach von der Landkarte verschwinden zu lassen.
Nun schwant dem Ziel des möglichen Mordanschlags Böses: Zwar ist offiziell noch unklar, wie Ills Mitbürger sich angesichts des teuflischen Angebots entscheiden werden. Doch alles scheint neuwertig zu sein, die Leute kaufen teuer und auf Pump. Auch in Ills eigener Familie geht es nicht minder geschäftig zu. Seine eigene Frau trägt urplötzlich einen Pelzmantel, der Sohn macht Spritztouren im neuen Auto.
Ill denkt nicht im Traum daran, sich in diesem Spiel zum Bauernopfer degradieren zu lassen und will der Falle entfliehen. Eine Hetzjagd durch die Stadt beginnt …

Dürrenmatts im Jahr 1956 erschienene Groteske entstand in einer Zeit, in der es der Schweiz so gut ging wie noch nie. Der kleine Staat war vom Zweiten Weltkrieg verschont geblieben und genoss die Erträge des Wirtschaftswunders. Der wachsende Reichtum der Bevölkerung und deren verschwenderischer Umgang mit Geld führten für Dürrenmatt jedoch zu einem verzerrten Wertesystem. In „Der Besuch der alten Dame“ artet die Gier schließlich so sehr aus, dass eine ganze Stadtgesellschaft angesichts des potenziellen Reichtums ihre Skrupel begräbt: „Konjunktur für eine Leiche“?