Die Jubiläumsspielzeit 2017/2018

„Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist,
müssen wir zulassen, dass alles sich verändert.“
Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Liebes Publikum,

wir leben in Zeiten, in denen der Abbau von Kultur und Bildung kein Tabuthema mehr ist, obwohl wir beide dringender brauchen denn je, um den gravierenden Veränderungen in unserer Gesellschaft begegnen zu können.

Ich möchte den 125-jährigen Geburtstag des Grillo-Theaters deshalb zum Anlass nehmen, einen Blick zurück zu werfen auf Geleistetes und Unterlassenes, auf gerne und weniger gerne Erinnertes und auf viel Erwähnenswertes, das zu einem wichtigen Grundpfeiler der kulturellen Zukunft dieser Stadt werden sollte. Das Engagement der Bürgerschaft für die Belange ihrer Heimatstadt war (und ist!) dabei von so großer Bedeutung, dass ein Schwerpunkt unserer Spielzeit 2017/2018 auf eben diesem bürgerlichen Einsatz und Gestaltungswillen liegt, ohne den nicht nur eine Stadt wie Essen, sondern unsere Zivilgesellschaft im Allgemeinen an Vielfalt, Innovation und Menschlichkeit deutlich ärmer wäre. Denn was Kultur den Essener Bürger*innen wert war und welche weitsichtigen, ja visionären Zusammenhänge sie bemerkenswert früh erkannten, darauf lässt sich wahrlich mit Stolz zurückblicken. Schon 1864 führte Friedrich Hammacher bei der Grundsteinlegung des Saalbaus aus, dass ein Ausgleich für die schwer arbeitende Bevölkerung durch Kultur und Natur nicht nur deren Lebensbedingungen verbessere, sondern auch deren Arbeitsleistung. Alfred Krupp bemerkte in einer Handlungsanweisung an seine Mitarbeiter, die mit Albert Berthold, dem ersten Direktor des Grillos verhandelten: „Je nach Wahl der Stücke mag ein Theater nützlich sein und bildend“, und obwohl er sein persönliches Desinteresse am Theater offen zugab, förderte er das Theater in den Anfängen mit 10.000 Mark jährlich, was ungefähr einem Drittel des Jahresetats entsprach.

Und Friedrich Grillo, Nachfahre einer aus Norditalien geflüchteten Familie und wie Krupp einer derjenigen Bürger, die das Essener Kultur- und Wirtschaftsleben sowie das Stadtbild nachhaltig prägen sollten, erklärte in der Stadtverordnetenversammlung am 14. Oktober 1887, dass er eine halbe Million Mark stiften werde, um der Stadt ein Theater zu bauen. Dass er die Eröffnung „seines“ Theaters selbst nicht mehr erlebte und wir es seiner Frau Wilhelmine Grillo zu verdanken haben, dass seine Idee in die Tat umgesetzt wurde, ist hinreichend bekannt – und in einer Stadt, die jahrhundertelang von Frauen geführt wurde, in gewisser Weise als konsequent zu betrachten. Bemerkens- wert ist, dass das Theater nach nicht einmal vierjähriger Planung und Bauzeit am 16. September 1892 eröffnet wurde. Im Vergleich zur fast 30-jährigen Entstehungsgeschichte des – zugegeben ungleich größeren – Aalto-Theaters geradezu ein Sprint in Sachen Planung, Bau und Finanzierung. Dank der großzügigen Spende Grillos hatte die Stadt Essen lediglich ein Viertel der Baukosten aufzubringen – sicherlich zur Erleichterung der politisch Verantwortlichen, denn auch damals schon war die finanzielle Lage der Stadt alles andere als entspannt.

Infolgedessen ist auch das ewige Thema „Fusion“ so alt wie das Haus selbst: Theaterehen mit Neuss und Dortmund wurden geschlossen und wieder geschieden; es gab entsprechende Verhandlungen mit Duisburg, Gelsenkirchen und Oberhausen.
Leider spielten die Essener Bühnen im Dritten Reich keine rühmliche Rolle, die beiden Stolpersteine vor dem Grillo-Theater erinnern dar- an. Geblieben ist ein zentral in der Innenstadt gelegenes Haus, welches 1950 nach erheblichen Kriegsschäden und raschem Wiederaufbau in sachlich-nüchternem Stil erneut für das Publikum geöffnet wurde. Es folgten große künstlerische Erfolge wie z. B. Alban Bergs „Lulu“, Aribert Reimanns „Stoffreste“ oder Alexander Issajewitsch Solschenizyns „Republik der Arbeit“.

Ab Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts spitzte sich die Lage zwischen Politik, dem zuständigen Kulturamt und der Leitung des Hauses zu. Wie so oft kann oder will heute niemand mehr wissen, was genau geschah und wer letztendlich verantwortlich war. Aber wie immer ging es ums Geld. Nicht weniger als fünf Intendanten – Ulrich Brecht, David Esrig, Manfred Mützel, Dieter Wilhelmi und Hansgünther Heyme – arbeiteten zwischen 1978 und 1986 in Essen. Ulrich Brecht äußerte sich rückblickend 1986 in der Deutschen Bühne:
„Daß es für einzelne Essener Kommunalpolitiker nicht möglich war, ihr persönliches Freundschaftsbedürfnis von den sachlichen Notwendigkeiten eines eigenständigen, verantwortlichen Theaterbetriebes zu trennen, ist die vorsichtige Umschreibung eines deprimierenden Sachverhaltes. Ich gebrauche die Vokabel deprimierend, weil genau diese Art von Verfilzung jeden Versuch, aus dem Provinzmief herauszufinden, zu blockieren imstande ist.“ (Die Deutsche Bühne, 4/1986, S. 52)

Erst Anfang der neunziger Jahre kehrte etwas Ruhe ein. Intendanten blieben nun auch länger als fünf Jahre, und die Lage der jetzt TUP – Theater und Philharmonie Essen – genannten Institution stabilisierte sich. Bedauerlicherweise gab man das weit über die Region hinaus bekannte Kinder- und Jugendtheater auf und übertrug dieses dem Schauspiel. So blieben zumindest die Spielstätten Casa (Nova) und Box erhalten; das Angebot für junge Zuschauer*innen wurde aber zwangsläufig kleiner.

Seit Beginn meiner Intendanz 2010 konnten wir schwerpunktmäßig den Bereich Kinder- und Jugendarbeit stärken und freuen uns, dass seitdem ca. 20.000 Besucher*innen zwischen zwei und 20 Jahren pro Spielzeit das Theater besuchen. Dies ist, wie die gesamte Geschichte des Hauses, auf bürgerliches Engagement zurückzuführen: Die Aufbauphase der Theaterpädagogik in den ersten fünf Jahren unterstützte die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung großzügig. Aktuell wird die Arbeit durch die Anneliese Brost-Stiftung gefördert. Auch hier zeigt sich, wie wichtig die großen Familien des Essener Bürgertums für die kulturelle Stadtentwicklung waren und sind.

Dass der Wunsch nach kulturellen Angeboten in der Stadt groß ist, zeigt nicht nur die stabile Auslastung des Schauspiel Essen von über 80% in den letzten Jahren, sondern auch der immense Besucherzuwachs anderer Kulturinstitutionen wie z. B. des Folkwang Museums, dessen freier Eintritt an den Wochenenden wiederum durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gefördert wird.
Eine unserer wichtigsten Aufgaben, neben der Auseinandersetzung mit relevanten Inhalten auf der Bühne, ist es, Partizipation zu ermöglichen und die Spaltung der Stadt durch den „Sozialäquator“, die A40, zu überwinden. In der Spielzeit 2017/2018 widmen wir uns daher in zwei sehr unterschiedlichen Uraufführungen im Grillo-Theater („Der Prinz, der Bettelknabe und DAS KAPITAL“) und im Stadtraum („Der Spalt“) ganz explizit der sozialen Spaltung unserer Stadt.

Erste Brücken gebaut haben nicht zuletzt Sie, liebes Publikum, indem Sie im vergangenen Jahr mehr als 12.000 Euro im Rahmen unserer Aktion „Der geschenkte Platz“ gespendet und so weit über 1.500 Kindern und Jugendlichen mit ihren Familien einen für sie ansonsten nicht bezahlbaren Theaterbesuch ermöglicht haben. Für unsere Jubiläumsspielzeit wünsche ich mir, dieses Ergebnis erneut zu erreichen. Denn Bildung und vor allem kulturelle Bildung machen uns alle fit für die Herausforderungen, die vor uns liegen. Wir sind ein reiches Land, doch auch bei uns funktioniert die Verteilung nicht mehr automatisch und schon gar nicht gerecht. So sollten wir uns alle dankbar an die Familien erinnern, die aus Überzeugung und im Glauben an ihre Stadt kulturelle und soziale Anliegen gefördert haben und nach wie vor fördern.

Und noch etwas anderes ruft uns dieses Jubiläum in Erinnerung: Essen hat eine 1000-jährige Theater- und Kulturgeschichte, die nicht zuletzt mit dem Bau des Grillo-Theaters sowie dem Folkwang-Gedanken von vor über 100 Jahren die Grundlagen für die Auszeichnung als Kulturhauptstadt Europas bereitete. Darauf können wir stolz sein – und dürfen es auch!

Dass Sie, liebes Publikum, Ihr Theater seit 125 Jahren begleiten und unser Handeln beobachten und kommentieren, dabei treu, neugierig, aufgeschlossen, zuverlässig und sehr kritisch bleiben – dafür meinen herzlichen Dank!

Glück auf!
Ihr
Christian Tombeil
Intendant

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