Schauspiel Essen geht in Grillo-Jubiläumssaison

Intendant Christian Tombeil und sein Dramaturgie-Team haben das Programm für die Spielzeit 2017/2018 vorgestellt.
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Essen. Das Essener Grillo-Theater wird 125 Jahre jung! Dieses besondere Jubiläum will das Team um Schauspielintendant Christian Tombeil in der neuen Spielzeit gebührend feiern. Denn „seit der Industrielle Friedrich Grillo der Stadt Essen 1892 den wunderschönen Bau mitten im Herzen der Stadt stiftete und damit eines der ersten Theater aus bürgerlicher Hand sein Zuhause fand, ist es immer ein Theater der Essener Bürgerinnen und Bürger gewesen“, so Tombeil. Die Feierlichkeiten beginnen am 15. September – das Haus wurde am 16. September 1892 mit Lessings „Minna von Barnhelm“ eingeweiht – mit einem Festakt im Grillo-Theater und der Eröffnung einer Fotoausstellung. Einen Tag später, am 16. September, steigt dann ab 14 Uhr rund ums Grillo-Theater ein großes Geburtstagsfest für die ganze Familie, bei dem Künstler aus allen Sparten der Theater und Philharmonie Essen das Publikum auf die Jubiläumssaison einstimmen möchten. Und am Abend ab 19 Uhr gibt’s dann an der vielleicht längsten Geburtstagstafel der Stadt – einmal rund ums Grillo-Theater – ein Geburtstagsdinner. Als Gratulanten werden u. a. der Ruhrkohle-Chor, Ensemblemitglieder des Aalto-Musiktheaters, des Aalto-Balletts, der Essener Philharmoniker und des Opern-Chores sowie Vertreter der vielfältigen freien Essener Kultur- und Theaterszene erwartet. Der Eintritt beim Dinner ist frei, die Organisatoren vom Schauspiel Essen bitten allerdings um kulinarische Beiträge zur Geburtstagstafel.

Der Premierenreigen der Jubiläumsspielzeit, die unter dem Motto „Wer zahlt die Zeche?“ steht, beginnt am Freitag, dem 29. September 2017 im Grillo-Theater mit einem Stück, das die Essener im vergangenen Herbst bei der Aktion „Wünsch dir was!“ selbst ausgewählt haben: Mit großer Mehrheit entschieden sie sich für Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“. In dieser Groteske aus dem Jahr 1956 geht es tatsächlich um Geld, nämlich die Spende von einer Milliarde, die Claire Zachanassian den Bewohnern des heruntergewirtschafteten Provinzkaffs Güllen in Aussicht stellt, wenn sie eine Bedingung erfüllen: Die Güllener müssten ihren Mitbürger Alfred Ill umbringen, mit dem sie, die selbst aus Güllen stammt, noch eine Rechnung offen hat. Die Empörung ist zunächst groß, doch Ill ahnt, dass es mit der moralischen Standfestigkeit seiner Mitmenschen nicht weit her ist. – Dürrenmatts tragische Komödie, die Thomas Krupa in Szene setzen wird, analysiert messerscharf, wieviel Moral und Solidarität in einer von Armut und Niedergang bedrohten Zivilgesellschaft noch zählen.

„TierischerTheaterTrubel“, so lautet der Untertitel des Stückes, mit dem ab dem 11. November 2017 Familien und Schulklassen im Grillo-Theater bestens unterhalten werden. Die Uraufführung „Jupp – Ein Maulwurf auf dem Weg nach oben“ von Gertrud Pigor mit Musik von Jan-Willem Fritsch ist ein Auftragswerk für das Schauspiel Essen zum Jubiläum und macht das Geburtstagskind selbst zum Thema: Unter der Bühne des Grillo-Theaters leben die Theatertiere. Sie sind die guten Geister des Hauses, denn immer wenn oben auf der Bühne etwas schiefläuft, greifen sie heimlich ein und helfen. Doch gerade an dem Tag, als überraschend der theaterbegeisterte Maulwurf Jupp aus Bottrop in der Unterbühne auftaucht, laufen die Proben zum „Froschkönig“ völlig aus dem Ruder. Da die ausverkaufte Premiere zu kippen droht, schlägt für die Theatertiere die große Stunde: Jetzt müssen sie zeigen, was sie wirklich drauf haben. Die Inszenierung übernimmt Intendant Christian Tombeil.

Eine WG-Küche ist der Schauplatz des Stückes, das am 1. Dezember 2017 in einer Inszenierung von Thomas Ladwig seine Grillo-Premiere feiern wird. Die Komödie „Willkommen“ beginnt mit einem gemeinsamen Abendessen, bei dem Benny seinen Mitbewohnern eröffnet, dass er für ein Jahr als Dozent in die USA gehen wird. Und dann konfrontiert er die ohnehin schon erstaunte Runde mit einer Idee: Es wäre doch super, wenn er in dieser Zeit sein Zimmer Flüchtlingen zur Verfügung stellen könnte! Damit löst er allerdings eher gemischte Gefühle aus. – Die Autoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben ein ebenso unterhaltsames wie hintergründiges Stück geschrieben, das die Diskussion über den derzeitigen gesellschaftlichen Wandel ins Wohnzimmer der liberalen bürgerlichen Mitte holt.

Die gesellschaftliche Realität ist auch das prägende Thema bei den Arbeiten des Regisseurs Volker Lösch. Nach zuletzt „Das Prinzip Jago“ entwickelt er für das Schauspiel Essen in der kommenden Saison die Uraufführung „Der Prinz, der Bettelknabe und DAS KAPITAL. Ausgehend von Mark Twains bekanntem Märchen, in dem Prinz und Bettelknabe ihre Rollen tauschen und dadurch die Lebensumstände des jeweils anderen kennenlernen, wird Lösch Jugendliche aus dem ärmeren Essener Norden und dem wohlhabenderen Essener Süden zusammenbringen. Ihre Erfahrungen werden zum Text auf der Bühne, der Twains Märchen kommentiert. Die Uraufführung ist am 17. Februar 2018 im Grillo-Theater.

Ebenfalls im Ruhrgebiet ist eine Geschichte angesiedelt, die Luchino Visconti in seinem Film „Die Verdammten“ erzählt und die unter dem Titel „Der Fall der Götter“ am 21. April 2018 erstmals im Grillo-Theater zu sehen ist: Es geht um die Großindustriellen derer von Essenbeck, die am Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme mit allen Mitteln versuchen, ihr Stahlwerk zu sichern. Da dabei die einzelnen Familienmitglieder unterschiedliche Ziele und Interessen verfolgen, entbrennt binnen kürzester Zeit ein unerbittlicher Kampf um die Macht. Pate für die von Essenbecks und ihr Stahlwerk stand die Essener Krupp-Dynastie. Regie führt Jan Neumann.

Das Spielzeitmotto „Wer zahlt die Zeche?“ erhält bei der letzten Grillo-Premiere der Saison am 10. Mai 2018 eine musikalische Variante: Die „Proletenpassion“ ist ein 1976 bei den Wiener Festwochen uraufgeführtes politisches Oratorium der Rockgruppe „Schmetterlinge“, für das der Autor Heinz Rudolf Unger die Texte verfasst hat. Als historische Revue folgt sie den sozialen Konflikten von den Bauernkriegen bis ins 20. Jahrhundert und stellt der Geschichte der Herrschenden eine Geschichte von unten entgegen. 2018, wenn mit dem Bergwerk Prosper Haniel in Bottrop die letzte Zeche im Ruhrgebiet geschlossen wird, werden Bernd Freytag und Mark Polscher, die am Schauspiel Essen bereits gemeinsam Elfriede Jelineks „Wolken.Heim.“ auf die Bühne gebracht haben, die „Proletenpassion“ mit einem großen Laienchor neu inszenieren.

Um Arm und Reich geht es auch in „Metropolis“: Die Leben der Menschen verlaufen hier strikt getrennt, denn in der Unterstadt hausen die Arbeitenden in elenden Verhältnissen und oben schwelgen die Bessergestellten im paradiesischen Luxus der „Ewigen Gärten“. Doch im Bauch von Metropolis rumort es, man wittert einen Aufstand. Als die geheimnisvolle Maria aus der Unterstadt eines Tages in den „Ewigen Gärten“ auftaucht, verliebt sich Freder, der Sohn des Herrschers über Metropolis, Hals über Kopf in die junge Frau und folgt ihr heimlich in die Tiefe. Mit der dortigen Not konfrontiert, gerät sein Weltbild ins Wanken und damit die gesamte Ordnung von Metropolis. Nach Fritz Langs 1926 entstandenem Meisterwerk gestaltet das Medienkünstler-Kollektiv sputnic, das seit 2004 mediale Szenografien für Theaterstücke produziert, einen Live-Animationsfilm, also einen Trickfilm, der vor den Augen der Zuschauer animiert, geschnitten und vertont wird. Dabei setzen die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne Kameras, Projektoren, Modelle, Illustrationen und Folien in Bewegung, aber auch ihre Körper, Stimmen und Instrumente ein. Für Konzept, Buch und Inszenierung zeichnet Nils Voges verantwortlich; die Premiere ist am 23. Februar 2018 in der Casa.

Essen neu und anders erleben, darum geht es im mixed reality game „Der Spalt“. Digitales Gaming hat sich in den letzten Jahren vom heimischen Computer gelöst: Spiele wie „Ingress“ und zuletzt „Pokémon GO“ legen eine unsichtbare zweite Realität über den Stadtraum. Für das Schauspiel Essen entwickeln Christiane Hütter und Sebastian Quack von Invisible Playground eine spezifisch theatrale Variante eines solchen Spiels und laden dazu ein, vom 9. bis 30. Juni 2018 per App in einer hybriden Realität ein- und auszugehen. Die Spielerinnen und Spieler treten in die Fußstapfen verschiedener Charaktere, allein oder in Gruppen erleben sie eine komplexe Story an öffentlichen und nicht öffentlichen Orten in unterschiedlichen Essener Stadtteilen.

In der Box, der kleinsten Spielstätte des Schauspiel Essen, wird es zwei Neuinszenierungen geben: Für Jugendliche ab 14 Jahren bringt Marieke Werner ab dem 30. September 2017 „Unter W@sser“, ein Stück von Andréanne Joubert und Jean-François Guilbault über die Macht(losigkeit) des Einzelnen im Internet, auf die Bühne. Und Kinder ab acht Jahren dürfen sich auf „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“ nach dem Buch von Finn-Ole Heinrich freuen. Die Inszenierung von Tobias Dömer feiert am 3. Februar 2018 Premiere.

Eine Neuauflage erleben Anfang 2018 die spartenübergreifenden TUP-Festtage Kunst⁵, die diesmal unter dem Motto „HeimArt“ stehen: Vom 17. bis 25. Februar laden das Schauspiel Essen, das Aalto-Musiktheater, die Essener Philharmoniker, das Aalto Ballett Essen und die Philharmonie Essen zu Theater- und Opernaufführungen, Konzerten, Ballettabenden, Vorträgen und Kinderprogrammen ein. Das Schauspiel Essen ist mit der Uraufführung „Der Prinz, der Bettelknabe und DAS KAPITAL“ am 17. Februar sowie der „Metropolis“-Premiere am 23. Februar vertreten.

Als Wiederaufnahmen sind u. a. Brechts „Leben des Galilei“, Dostojewskis „Dämonen“, die Uraufführung „Sophia, der Tod und ich“ sowie Urs Widmers „Top Dogs“ geplant.
Auch die Reihe „Jazz in Essen“ geht mit fünf Konzerten in eine neue Runde. Zahlreiche Sonderveranstaltungen und Kooperationen – darunter wieder das Projekt „Der geschenkte Platz“, das Kindern und Jugendlichen z. B. aus Kinder- und Flüchtlingsheimen, Behindertenwerkstätten oder Förderschulen durch Spenden einen Theaterbesuch ermöglicht – runden das vielfältige Angebot ab.

Dem Jubiläum trägt auch die optische Gestaltung des neuen Spielzeitheftes Rechnung: Die mit dem Layout beauftragte Krefelder Agentur sputnic hat den Fotografen Philip Lethen mit ins Boot genommen und ihn gebeten, Friedrich Grillo im heutigen Essen zu fotografieren. Für die Shooting-Termine schlüpfte der Schauspieler Axel Holst in die Rolle des Theater-Stifters. An bekannten, aber auch abseitigen Orten in Essen und Umgebung sind faszinierende Aufnahmen entstanden, auf denen Tradition und Gegenwart aufeinander treffen.

Die Broschüre ist ab sofort im TicketCenter und in den Spielstätten der TUP erhältlich.
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